Der rote Punkt auf der Tastatur: Was alternative Eingabemethoden mit Barrierefreiheit zu tun haben

Ausschnitt einer Tastaur, zwischen den Tasten G, H (oben) und dem darunter liegndem B ist ein roter Punkt zu sehen

Wer schon einmal ein ThinkPad oder einen ähnlichen Laptop benutzt hat, kennt ihn wahrscheinlich: den kleinen roten Punkt mitten zwischen den Tasten G, H und B.

Viele wissen allerdings gar nicht genau, wofür er gedacht ist.

Der sogenannte TrackPoint oder Pointing Stick ist eine Alternative zu Maus und Touchpad. Der Mauszeiger lässt sich damit steuern, ohne die Hände von der Tastatur nehmen zu müssen.

Was zunächst wie ein technisches Detail aus einer anderen Laptop-Generation wirkt, führt zu einer wichtigen Frage der digitalen Barrierefreiheit:

Wie viele unterschiedliche Möglichkeiten haben Menschen eigentlich, eine Website oder einen Online-Shop zu bedienen?

Denn nicht jeder Mensch nutzt eine Maus. Und nicht jeder kann ein Touchpad gleichermaßen gut bedienen.

Maus, Touchpad, TrackPoint, Tastatur und assistive Technologien

Viele Websites werden noch immer aus der Perspektive eines typischen Nutzers entwickelt:

Bildschirm vor sich, Maus oder Touchpad in der Hand und auf das gewünschte Element klicken.

In der Realität gibt es jedoch zahlreiche Formen der Interaktion.

Menschen navigieren beispielsweise mit:

  • einer Maus

  • einem Touchpad

  • einem Pointing Stick

  • ausschließlich der Tastatur

  • einem Touchscreen

  • Sprachsteuerung

  • Schaltern oder anderen assistiven Eingabegeräten

  • Screenreadern in Kombination mit der Tastatur

Eine barrierefreie Website sollte deshalb nicht von einer einzigen Eingabemethode abhängig sein.

Gerade bei Online-Shops wird das schnell relevant.


Was passiert, wenn ein Online-Shop nur für die Maus gebaut wurde?

Stellen wir uns einen typischen Kaufprozess vor.

Ein Nutzer möchte ein Produkt auswählen, eine Variante festlegen, es in den Warenkorb legen und anschließend bestellen.

Mit der Maus funktioniert alles problemlos.

Aber was passiert, wenn die Maus nicht verwendet werden kann?

Lässt sich das Menü mit der Tab-Taste öffnen?

Kann der Produktfilter bedient werden?

Ist eine Größe auch per Tastatur auswählbar?

Kann ein Cookie-Banner geschlossen werden?

Ist der Warenkorb erreichbar?

Kann der komplette Checkout ausgefüllt und abgeschickt werden?

Wenn die Antwort an irgendeiner entscheidenden Stelle „Nein“ lautet, kann aus einem kleinen Bedienungsproblem eine vollständige Barriere werden.

Der Nutzer kommt schlicht nicht weiter.

Der TrackPoint löst das eigentliche Accessibility-Problem nicht

Hier ist eine wichtige Unterscheidung notwendig.

Ein TrackPoint ist eine alternative Möglichkeit zur Zeigersteuerung. Er kann für manche Menschen angenehmer oder praktikabler sein als Maus oder Touchpad.

Eine Website wird dadurch aber nicht automatisch barrierefrei.

Denn auch ein TrackPoint steuert letztlich einen Mauszeiger.

Menschen, die gar kein Zeigegerät verwenden können oder möchten, müssen eine Website beispielsweise ausschließlich über die Tastatur oder andere assistive Technologien bedienen können.

Genau deshalb ist die Tastaturbedienbarkeit eine zentrale Grundlage digitaler Barrierefreiheit.

Der einfachste Accessibility-Test beginnt ohne Maus

Wer einen ersten Eindruck davon bekommen möchte, wie zugänglich der eigene Online-Shop ist, kann einen sehr einfachen Test durchführen:

Maus und Touchpad nicht benutzen.

Stattdessen nur mit der Tastatur durch den Shop navigieren.

Mit der Tab-Taste springt man typischerweise zum nächsten interaktiven Element, mit Shift + Tab zurück. Enter oder die Leertaste aktivieren je nach Element Funktionen.

Dann versucht man einen realistischen Kaufprozess:

Produkt suchen.

Filter verwenden.

Produkt öffnen.

Variante auswählen.

In den Warenkorb legen.

Checkout öffnen.

Formular ausfüllen.

Bestellung bis zum letzten Schritt durchführen.

Dabei sollte man auf einige Fragen achten.

Sehe ich jederzeit, wo sich der Tastaturfokus befindet?

Erreiche ich alle Funktionen?

Ist die Reihenfolge der Elemente logisch?

Kann ich Dialoge und Menüs wieder schließen?

Bleibe ich irgendwo hängen?

Schon dieser einfache Test kann Barrieren sichtbar machen, die bei der normalen Nutzung mit einer Maus kaum auffallen.

Warum alternative Eingabemethoden auch wirtschaftlich relevant sind

Eine nicht erreichbare Schaltfläche ist nicht nur ein technischer Fehler.

In einem Online-Shop kann sie unmittelbar bedeuten, dass ein Kunde seinen Kauf nicht abschließen kann.

Das gilt beispielsweise für einen Produktfilter, der nicht bedienbar ist, genauso wie für einen nicht erreichbaren „In den Warenkorb“-Button oder eine Zahlungsart, die nur per Maus ausgewählt werden kann.

Digitale Barrierefreiheit und gute User Experience liegen deshalb häufig näher zusammen, als es zunächst scheint.

Eine klare Fokusmarkierung hilft Nutzern bei der Orientierung.

Eine logische Bedienreihenfolge macht Prozesse verständlicher.

Gut umgesetzte Formulare reduzieren Fehler.

Und mehrere funktionierende Bedienwege machen einen Shop robuster.

Barrierefreiheit beginnt mit einer einfachen Erkenntnis

Der kleine rote Punkt mitten auf manchen Laptop-Tastaturen ist deshalb ein interessantes Symbol für ein viel größeres Thema:

Menschen bedienen digitale Angebote auf unterschiedliche Weise.

Eine gute Website schreibt ihnen nicht vor, welche davon sie verwenden müssen.

Für Online-Shops bedeutet das: Nicht nur prüfen, ob etwas angeklickt werden kann.

Sondern auch fragen:

Kann ein Mensch unseren kompletten Shop nutzen und einen Kauf abschließen, wenn die Maus keine Option ist?

Wer diese Frage einmal praktisch testen möchte, braucht dafür zunächst kein komplexes Accessibility-Tool.

Einfach Maus und Touchpad für zehn Minuten nicht benutzen und versuchen, im eigenen Shop einzukaufen.

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