Screenreader im Online-Shop: Wie blinde Menschen digitale Angebote nutzen

Online-Shopping kann Menschen mit einer Sehbehinderung ein großes Maß an Selbstständigkeit ermöglichen.

Produkte lassen sich zu Hause suchen, vergleichen und bestellen. Der Weg zu einem Geschäft, die Orientierung zwischen Regalen oder das Lesen kleiner Produktinformationen entfallen. Voraussetzung ist allerdings, dass der Online-Shop mit assistiven Technologien bedient werden kann.

Eine der wichtigsten Technologien dafür ist der Screenreader.

Er liest digitale Inhalte vor oder gibt sie über eine Braillezeile aus. Dadurch können blinde und stark sehbehinderte Menschen Websites, Apps, Dokumente und Online-Shops nutzen.

Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass weltweit mindestens 2,2 Milliarden Menschen mit einer Beeinträchtigung des Nah- oder Fernsehens leben. Sehverlust betrifft Menschen aller Altersgruppen, tritt jedoch besonders häufig bei älteren Menschen auf.

Quelle: World Health Organization, Blindness and vision impairment, Stand 10. Februar 2026. Die WHO nennt weltweit mindestens 2,2 Milliarden Menschen mit einer Beeinträchtigung des Nah- oder Fernsehens. (⁠Weltgesundheitsorganisation)

Online-Shopping kann Selbstständigkeit schaffen


Für blinde und stark sehbehinderte Menschen können digitale Angebote viele Barrieren des stationären Einkaufs reduzieren.

In einem zugänglichen Online-Shop können sie selbstständig:

  • nach Produkten suchen,

  • Preise vergleichen,

  • Produktinformationen lesen,

  • Größen und Varianten auswählen,

  • Bewertungen prüfen,

  • Bestellungen aufgeben,

  • Lieferungen verwalten.

Damit diese Selbstständigkeit möglich ist, muss der Shop technisch richtig aufgebaut sein. Ein Screenreader kann nur die Informationen wiedergeben, die im Code vorhanden und verständlich ausgezeichnet sind.

Fehlen Beschriftungen, Alternativtexte oder semantische Informationen, fehlen sie auch für die Nutzerinnen und Nutzer.

McKinsey beschreibt digitale Barrierefreiheit deshalb nicht nur als soziale Aufgabe, sondern auch als wirtschaftlich relevante Frage. Laut einer dort zitierten Untersuchung brechen blinde Internetnutzerinnen und -nutzer ungefähr zwei Drittel ihrer E-Commerce-Interaktionen wegen mangelnder Zugänglichkeit ab.

Sie wechseln anschließend häufig zu Anbietern, deren digitale Angebote verlässlicher funktionieren.

Quelle: McKinsey & Company, Bridging another digital divide: Accessibility for blind and low-vision consumers, 2. Mai 2023. McKinsey berichtet, dass blinde Internetnutzer ungefähr zwei Drittel ihrer E-Commerce-Interaktionen aufgrund fehlender Barrierefreiheit abbrechen. Die zugrunde liegende qualitative McKinsey-Forschung umfasste 29 blinde und sehbehinderte Menschen aus Deutschland, Italien und den USA. (⁠McKinsey & Company)


Was ist ein Screenreader?

Ein Screenreader ist eine Software, die digitale Inhalte in Sprache oder Braille übersetzt.

Dabei liest er nicht einfach den sichtbaren Bildschirm von oben nach unten vor. Er verarbeitet vor allem die technische Struktur einer Website.

Ein Screenreader erkennt beispielsweise:

  • Überschriften,

  • Absätze,

  • Listen,

  • Links,

  • Schaltflächen,

  • Formularfelder,

  • Tabellen,

  • Bilder mit Alternativtexten,

  • Status- und Fehlermeldungen.

Nutzerinnen und Nutzer bewegen sich häufig gezielt durch diese Elemente. Sie können zum Beispiel von Überschrift zu Überschrift oder von Link zu Link springen.

Eine saubere semantische Struktur ist deshalb entscheidend. Wird ein Text nur optisch groß und fett gestaltet, technisch aber nicht als Überschrift ausgezeichnet, erkennt der Screenreader ihn nicht als Überschrift.

In der Screenreader-Umfrage von WebAIM gaben 71,6 Prozent der Befragten an, Überschriften zu nutzen, um Informationen auf einer langen Webseite zu finden.

Welche Screenreader gibt es?

Screenreader sind für unterschiedliche Betriebssysteme und Geräte verfügbar.

NVDA

NVDA steht für „NonVisual Desktop Access“.

Der kostenlose Open-Source-Screenreader wird unter Windows eingesetzt. Er gehört insbesondere in Europa zu den häufig verwendeten Lösungen.

JAWS

JAWS ist ein kommerzieller Screenreader für Windows.

Er wird seit vielen Jahren professionell eingesetzt und bietet zahlreiche Funktionen und Einstellungsmöglichkeiten.

VoiceOver

VoiceOver ist in Geräte von Apple integriert.

Der Screenreader steht unter anderem auf dem iPhone, iPad und Mac zur Verfügung. Er muss nicht zusätzlich installiert werden.

TalkBack

TalkBack ist der integrierte Screenreader für Android-Geräte.

Die Bedienung erfolgt überwiegend über spezielle Wisch- und Tippgesten.

Windows-Sprachausgabe

Die Windows-Sprachausgabe, auch Narrator genannt, ist direkt in Windows enthalten.

Sie kann ohne zusätzliche Installation aktiviert werden und eignet sich deshalb gut für einen ersten Einblick.

In der WebAIM-Umfrage von 2024 waren JAWS und NVDA die am häufigsten genannten primären Desktop-Screenreader. 40,5 Prozent der Befragten nutzten hauptsächlich JAWS und 37,7 Prozent NVDA. In Europa lag NVDA als primärer Screenreader vor JAWS.

Außerdem berichteten 91,3 Prozent der Befragten, einen Screenreader auf einem mobilen Gerät zu nutzen.

Quelle: WebAIM, Screen Reader User Survey #10, 2024. Die Umfrage dokumentiert die Nutzung verschiedener Screenreader, Browser und Geräte. Die Ergebnisse sind aufgrund der offenen Stichprobe als Hinweise auf Nutzungsmuster und nicht als repräsentative Marktanteile zu verstehen. (⁠webaim.org)

Warum gibt es trotz Screenreader so viele Barrieren?

Ein Screenreader kann eine unzugängliche Website nicht selbstständig reparieren.

Er ist darauf angewiesen, dass Inhalte, Funktionen und Zustände technisch korrekt hinterlegt sind. Fehlen diese Informationen, liest der Screenreader unverständliche oder unvollständige Inhalte vor.

Typische Barrieren in Online-Shops sind:

  • Bilder ohne sinnvolle Alternativtexte,

  • Schaltflächen ohne verständlichen Namen,

  • unbeschriftete Formularfelder,

  • nicht angekündigte Fehlermeldungen,

  • eine unlogische Überschriftenstruktur,

  • schlecht aufgebaute Produkttabellen,

  • nicht bedienbare Filter,

  • unzugängliche Auswahlfelder,

  • dynamische Änderungen ohne Rückmeldung,

  • Dialogfenster, die nicht geschlossen werden können,

  • ein Checkout, der nur mit der Maus funktioniert.

Eine sehende Person erkennt eine Schaltfläche möglicherweise durch ihre Farbe, ihre Position oder ein Symbol.

Ein Screenreader benötigt dagegen eine klare technische Bezeichnung. Fehlt diese, kann aus einem sichtbaren Warenkorb-Button lediglich eine Ansage wie „Schaltfläche“ oder ein unverständlicher Dateiname werden.


Ein Online-Shop wird nicht linear genutzt

Viele sehende Nutzerinnen und Nutzer überfliegen eine Seite. Sie erkennen durch Abstände, Farben, Bilder und Positionen, welche Inhalte zusammengehören.

Screenreader-Nutzende erschließen sich eine Seite anders.

Sie navigieren beispielsweise über:

  • Überschriften,

  • Regionen und Orientierungspunkte,

  • Links,

  • Formularfelder,

  • Schaltflächen,

  • Suchfunktionen.

Deshalb ist es nicht ausreichend, dass alle Texte irgendwie im Quellcode vorhanden sind.

Die Struktur muss deutlich machen:

  • Wo beginnt die Navigation?

  • Was ist die Hauptüberschrift?

  • Welcher Preis gehört zu welchem Produkt?

  • Ist eine Variante ausgewählt?

  • Wurde ein Produkt in den Warenkorb gelegt?

  • Ist bei der Eingabe ein Fehler entstanden?

  • Hat sich der Gesamtpreis verändert?

Fehlen solche Zusammenhänge, müssen Nutzerinnen und Nutzer Informationen mühsam zusammensuchen oder können den Kauf gar nicht abschließen.

Die größten Herausforderungen im Online-Shop

Besonders schwierig sind häufig dynamische und visuell geprägte Funktionen.

Produktbilder

Blinde Kundinnen und Kunden sind auf gute Produktbeschreibungen und Alternativtexte angewiesen.

Ein Alternativtext wie „Produktbild 1“ hilft nicht weiter. Entscheidend sind Informationen, die für die Auswahl relevant sind – beispielsweise Form, Farbe, Muster oder besondere Merkmale.

Varianten und Auswahlzustände

Bei Farben, Größen oder Produktvarianten muss der Screenreader erkennen können:

  • welche Möglichkeiten verfügbar sind,

  • welche Option ausgewählt wurde,

  • welche Varianten nicht verfügbar sind,

  • ob sich Preis oder Lieferzeit verändern.

Filter und Suche

Filter bestehen häufig aus komplexen Bedienelementen. Werden sie nicht richtig umgesetzt, ist nicht erkennbar, welche Optionen aktiv sind oder wie viele Ergebnisse angezeigt werden.

Warenkorb und Checkout

Im Checkout treten besonders schwerwiegende Barrieren auf.

Dazu gehören unbeschriftete Eingabefelder, unverständliche Fehlermeldungen oder Zahlungsarten, die nicht mit der Tastatur ausgewählt werden können.

Besonders frustrierend ist es, wenn ein Einkauf zunächst funktioniert und erst beim letzten Bestellschritt scheitert. In der qualitativen McKinsey-Studie beschrieb ein Teilnehmer aus Deutschland genau dieses Problem: Man könne sich lange durch einen Bestellprozess arbeiten und erst beim letzten Button feststellen, dass dieser nicht bedienbar sei.

Quelle: McKinsey & Company, Bridging another digital divide: Accessibility for blind and low-vision consumers, 2023. Die Studie beschreibt Erfahrungen blinder und sehbehinderter Menschen mit unzugänglichen digitalen Kaufprozessen. (⁠McKinsey & Company)

Selbstexperiment: Nutzen Sie Ihren Shop einmal mit einem Screenreader

Für uns war es eine prägende Erfahrung, selbst einen Screenreader zu nutzen.

Deshalb empfehlen wir allen, die digitale Barrieren besser verstehen möchten, die eigene Website einmal mit einem Screenreader zu bedienen.

Level 1: Mit geöffneten Augen

Aktivieren Sie einen Screenreader und versuchen Sie, Ihren Shop nur mit der Tastatur zu bedienen.

Suchen Sie ein Produkt, wählen Sie eine Variante, legen Sie es in den Warenkorb und beginnen Sie den Checkout.

Achten Sie dabei auf folgende Fragen:

  • Werden die Inhalte verständlich vorgelesen?

  • Können Sie sich über Überschriften orientieren?

  • Haben Schaltflächen eindeutige Namen?

  • Wissen Sie jederzeit, welches Element ausgewählt ist?

  • Werden Änderungen im Warenkorb angekündigt?

  • Sind Fehlermeldungen verständlich?

Schon dieser erste Test zeigt häufig, wie unterschiedlich eine visuelle und eine nicht visuelle Nutzungserfahrung sein kann.

Level 2: Ohne Blick auf den Bildschirm

Wer sich sicher fühlt, kann den Bildschirm ausschalten oder abdecken und dieselbe Aufgabe erneut versuchen.

Bleiben Sie dabei an Ihrem Arbeitsplatz sitzen und nutzen Sie nur Tastatur und Screenreader. Eine Augenbinde ist nicht notwendig.

Dieser Selbsttest ersetzt keinen professionellen Screenreader-Test. Er kann aber dabei helfen, ein Gefühl für fehlende Informationen, unklare Strukturen und unnötig komplizierte Abläufe zu entwickeln.

Wichtig ist auch: Eine kurze Simulation zeigt nicht, wie eine erfahrene blinde Person einen Screenreader nutzt. Screenreader-Nutzende arbeiten häufig sehr schnell und mit zahlreichen Tastenkürzeln. Das Experiment vermittelt daher nur einen ersten Eindruck – keine vollständige Nutzerperspektive.

Fazit: Ein Screenreader macht digitale Inhalte hörbar – aber nicht automatisch zugänglich

Screenreader eröffnen blinden und stark sehbehinderten Menschen den Zugang zu digitalen Informationen, Dienstleistungen und Online-Shops.

Damit das funktioniert, müssen Inhalte semantisch aufgebaut, Bedienelemente verständlich benannt und dynamische Änderungen korrekt ausgegeben werden.

Ein technisch unzugänglicher Shop kann trotz Screenreader unbedienbar bleiben.

Für Online-Händler ist das nicht nur eine Frage gesetzlicher Anforderungen. Ein zugänglicher Shop ermöglicht mehr Menschen, Produkte selbstständig zu suchen, zu vergleichen und zu kaufen.

Wer verstehen möchte, wie der eigene Shop mit einem Screenreader funktioniert, sollte ihn selbst ausprobieren.

Wer wissen möchte, ob zentrale Prozesse tatsächlich zugänglich sind, braucht darüber hinaus eine fachkundige Prüfung mit unterschiedlichen Screenreadern, Browsern und realistischen User Journeys.

Bereit, Barrieren abzubauen?

Meldet euch für ein kostenloses Erstgespräch.

Bereit, Barrieren abzubauen?

Meldet euch für ein kostenloses Erstgespräch.

Bereit, Barrieren abzubauen?

Meldet euch für ein kostenloses Erstgespräch.

Einblicke & Ressourcen

Slide 1 of 1

Einblicke & Ressourcen

Slide 1 of 1

Einblicke & Ressourcen

Slide 1 of 1